Wörtherseemandl



Wer heute an den Wörther See kommt, der wird wohl die reizvolle Landschaft bestaunen können, er wird sich über das bunte Leben und Treiben freuen, das an den Ufern des herrlichen Alpensees herrscht, und er wird genussvoll durch die warmen Wellen des türkisgrünen Wassers schwimmen. Aber vieles ist uns schon verlorengegangen in dem wilden Trubel und Lärm dieser Zeit. Die geheimnisvollen Laute der Natur sind verhallt.

Die Sage:
In früheren Jahrhunderten, als der See noch einsam war und nur wenige Schiffe seine Fluten durchkreuzten, da konnte es ab und zu geschehen, dass ein stiller Ruderer in der Mitte des Sees ein feines Klingen und Läuten vernahm, oder dass er tief unten im Wasser schattenhaft und schwankend den Turm einer Kirche oder die Dächer einst schöner,jetzt aber geborstener Häuser erschaute.

An der Stelle, wo sich heute die riesige Wasserfläche des Wörther Sees ausbreitet, stand nämlich vor tausenden Jahren eine große, reiche Stadt. Die Bewohner trieben Handel mit fernen Ländern und waren fleißige und tüchtige Leute. Ihre Häuser hatten sie fest und stattlich erbaut und prunkvoll ausgestattet. Aber der Reichtum bekam den Städtern auf die Dauer schlecht. Sie wurden leichtsinnig und übermütig. Die kostbarsten Stunden ihres Lebens vergeudeten sie, ihr Geld verjubelten sie, und auf Gott hatten sie ganz vergessen. Wohl überragte eine prächtige Kirche die Dächer der Stadt und rief die Andächtigen mit vollem Glockenton zur Messe aber niemand kam, es gab keine Gläubigen mehr. Genuss und Vergnügen hießen jetzt ihre Götter.

So war wieder ein Weihnachtsabend herangekommen, und in dem großen Festsaal des Rathauses ging es äußerst lustig zu. Hier hatten sich die übermütigen Bürger versammelt, hier wurde getafelt und gebechert, getanzt und gesungen. Die Glocken riefen die Christen zur Weihnachtsmette. Durch Stimmengewirr und Gelächter und durch das laute Fiedeln der Geigen suchte sich der Klang mühsam seinen Weg zum Ohr der Menschen. Sie hörten ihn wohl wie aus wei­ter Ferne, aber er berührte ihr Herz nicht mehr, und es fiel ihnen nicht ein, ihm zu folgen. Da ging die Tür des prächtigen Saales auf, und ein kleines Männlein in grauem Gewand, mit eisgrauem, wallendem Bart schritt mitten unter die Tanzenden. Sein Gesicht war ernst und passte wenig unter die betrunkenen, johlenden Zecher. Höret auf mich! rief er mit lauter, grollender Stimme. Eben beginnt die Christmette, und gehet hin, verlasst diesen Saal, wenn euch euer Leben lieb ist! Rohes Gelächter antwortete ihm immer und immer wieder, und als er mit finsterem Blick endlich hinausschritt, riefen sie ihm noch höhnische Schimpfworte nach.

Da schlug die Turmuhr Mitternacht. Die Tür des Saales sprang neuerlich auf, und aus der kalten, finsteren Winternacht trat ein Männlein zum zweiten Male in den schon dunstigen, trotz vieler Kerzen nur schwach erhellten Saal. Der ernste Mahner ging mit energischen Schritten in die Mitte des Saales, legte ein kleines Fass, das er unter dem Arm trug, auf einen Stuhl und erinnerte die tanzenden und lachenden Bürger noch mal an ihre Christenpflicht. Als der graue Zwerg wieder nur Hohn und Spott erntete, rief er zornig: Ihr wollt es nicht anders, so komme Tod und Verderben über euch und eure sündige Stadt!. Mit diesen Worten durchlug er den Spund des Fasses, das immer größer und größer wurde. Wasser schoss heraus, es sprudelte unentwegt, und im Nu war der Boden des Saales überschwemmt. Die Leute mühten sich, die Wasserflut abzuwenden, aber es half nichts. Sie riefen nach dem Männchen, doch dieses war spurlos verschwunden. Flammende Blitze erhellten jetzt die Fenster,und dröhnende Donnerschläge ließen nun die Mauern erbeben.

Regen lief durch die Balken, aus jeder Ritze strömte das Wasser, und aus dem Boden quoll es hervor. Die eben noch betrunkenen Menschen waren mit einem Schlag nüchtern geworden, aber ihre Reue kam zu spät. Nichts konnte sie mehr retten, und sie mussten in den steigenden Fluten elend ertrinken. Allmählich versanken die Häuser, es verschwanden Kirche und Hügel, Wiese und Wald und alles, was lebte und atmete in freier Himmelsluft. Eine große, graue Wasserfläche bedeckte wie ein rießiges Bahrtuch das einst so blühende Land. Kaum einer aber denkt heute noch an die diese Geschichte, wenn sich zu seinen Füßen die sanften Wellen des schönen Wörther Sees kräuseln und leise plätschernd an das Ufer schlagen.

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Hintergrundinfo:
Wer kennt nicht das Wörtherseemandl, das heute als mahnende, bronzene Brunnenfigur, gestaltet 1962 vom Klagenfurter Künstler Heinz Goll, seit 1965 auf dem Dr.-Arthur-Lemisch-Platz steht. Von dieser "eisgrauen und kleinen" Sagenfigur gibt es aber auch eine fast unbekannte Skulptur aus Stein, die einige Jahrzehnte älter ist und heute im Garten von Schloss Annabichl steht, das sich in Privatbesitz befindet.
Wörtherseemandl beim Schloss Annabichl
Die Grundlage für beide Denkmäler bildet aber zweifellos die "Sage vom Werder See". Die Erzählung wurde bereits 1837 von niemand geringerem als Johann Ritter Gallenstein (Kärntner Heimatlied) im Büchlein M.S. Mayer, "Noreja" niedergeschrieben. 50 Jahre später findet man den Text bei J. Rappold "Sagen aus Kärnten".

Wörtherseemandl am Dr.Arthur Lemisch Platz

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